AUTORIN https://lichtrouten.de/khadouja-tamzini/
PUBLIZIERT 18 MAR 2025
Hast du jemals in den Himmel geschaut und dich bemüht, mehr als nur eine Handvoll Sterne zu sehen?
Für die meisten von uns, die in Städten leben, ist die Milchstraße ein vergessener Anblick. Der künstliche Schein von Straßenlaternen, Werbetafeln und Gebäuden hat unsere Nächte übernommen und die Dunkelheit durch ein endloses, unnatürliches Dämmerlicht ersetzt.
Oft denken wir nicht an Licht als Verschmutzung – aber genau das ist es. Lichtverschmutzung ist eines der am meisten übersehenen Umweltprobleme. Sie beeinträchtigt nicht nur unseren Blick auf die Sterne, sondern auch die Tierwelt, die menschliche Gesundheit und sogar unser Zeitgefühl.
Wir haben den natürlichen Rhythmus unserer Umwelt verändert. Viele Arten haben sich über Millionen von Jahren an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir dieses Gleichgewicht gestört, indem wir die Nacht mit künstlichem Licht fluten.
Zugvögel nutzen die Sterne zur Orientierung, doch das Licht der Städte verwirrt sie und führt zu tödlichen Kollisionen mit Gebäuden. Meeresschildkrötenbabys folgen instinktiv dem Mondlicht, um das Meer zu erreichen – doch heute kriechen sie stattdessen zu Straßenlaternen und sterben. Insekten, Fledermäuse und nachtaktive Tiere sind auf die Dunkelheit angewiesen, um zu jagen, sich fortzupflanzen oder einfach nur zu ruhen – doch nun kämpfen sie ums Überleben.
Wir haben die Natur gezwungen, sich unserem Lebensstil anzupassen, anstatt ihre natürlichen Zyklen zu respektieren.
Es gibt etwas Paradoxes an künstlichem Licht: Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, lässt uns aber gleichzeitig das Gefühl haben, ständig wach zu sein. Eine gut beleuchtete Straße wirkt sicherer als eine dunkle Gasse. Ein helles Zuhause fühlt sich gemütlich an. Von klein auf lernen wir, dass Dunkelheit etwas ist, das man fürchten muss – Monster verstecken sich in den Schatten, und in der Nacht passieren schlimme Dinge.
Aber was, wenn zu viel Licht genauso schädlich ist wie zu wenig?
Diese ständige Exposition gegenüber künstlichem Licht beeinflusst uns mehr, als wir denken. Studien zeigen, dass übermäßige Lichteinwirkung in der Nacht mit Schlafstörungen, Schlaflosigkeit und erhöhtem Stress- und Angstniveau zusammenhängt. Unser Körper hat sich mit einem zirkadianen Rhythmus entwickelt – einer inneren Uhr, die uns sagt, wann wir aufwachen und wann wir schlafen sollen. Doch wenn die Nacht nie wirklich einsetzt, gerät diese innere Uhr aus dem Gleichgewicht.
Als jemand, der sich mit Lichtkunstfestivals beschäftigt, denke ich oft über die Auswirkungen von künstlichem Licht in kreativen Räumen nach. Lichtkunst kann atemberaubend sein – sie verwandelt öffentliche Orte in leuchtende Kunstwerke, die Menschen zusammenbringen. Sie hat die Kraft, unsere Wahrnehmung der Umgebung zu verändern und unvergessliche Erlebnisse zu schaffen.
Aber zu welchem Preis?
Wann hört künstlerische Beleuchtung auf, ein Ausdruck von Kreativität zu sein, und wann wird sie zur Umweltverschmutzung?
Ich habe Installationen gesehen, die mit Licht und Schatten auf faszinierende Weise spielen und unsere Wahrnehmung herausfordern. Doch ich habe auch Projekte erlebt, bei denen Licht im Übermaß eingesetzt wurde – so sehr, dass es eher verschwenderisch als bedeutungsvoll wirkte. Die Herausforderung besteht darin, das Licht zu feiern, ohne die Dunkelheit vollständig zu verdrängen.
Genau diese Fragen müssen wir stellen, wenn wir eine nachhaltigere Zukunft gestalten wollen.
Die gute Nachricht ist: Lichtverschmutzung ist eines der am einfachsten lösbaren Umweltprobleme. Städte können abgeschirmte Straßenlaternen installieren, die das Licht nach unten richten, statt in den Himmel. Wir können auf wärmere LED-Lichter umsteigen, die weniger schädlich für Schlaf und Natur sind.
Und auf persönlicher Ebene?
Wir können einfach nach draußen gehen, in den Himmel blicken – und erkennen, was wir verloren haben.
Die Sterne sind noch da – wir müssen ihnen nur erlauben, wieder zu leuchten.
Wir haben eine Welt geschaffen, in der sich die Nacht nie wirklich wie Nacht anfühlt. Aber das muss nicht so bleiben.
Lichtverschmutzung ist umkehrbar – und mit kleinen Veränderungen können wir das Gleichgewicht unserer Umwelt, unserer Gesundheit und unserer Verbindung zum Universum wiederherstellen.
Denn ein dunkler Himmel ist nicht die Abwesenheit von Licht.
Er ist die Präsenz von Wunder.
