INTERVIEW Jennifer Kolb
PUBLIZIERT 20. FEB 2025
Bettina Pelz und Tom Groll sind die Gründungskurator_innen der LICHTROUTEN. Im Jahr 2002 entwickelten sie ein kuratorisches Konzept mit dem Leitmotiv, Licht als Material und Medium in der Bildenden Kunst und im Design in öffentlichen Räumen zu zeigen. In vielfältigen Kooperationen mit Künstler_innen und Designer_innen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Praxisorten, Handwerksbetrieben, Veranstaltungstechnik und Verwaltung entstanden die LICHTROUTEN als ein Stadtmarketing Projekt — von Anfang an in der Regie der LSM, des Lüdenscheider Stadtmarketings.
In den Jahren 2002 bis 2018 wurden acht Editionen realisiert, die die Kultur der Stadt des Lichts prägten. In Europa gehören die LICHTROUTEN — neben LUX Helsinki, LUCI D’ ARTISTA in Turin und FETE DES LUMIERES in Lyon — zu den ältesten Festivals des Lichts wie sie heute in vielen Städten initiiert werden. In den laufenden Vorbereitungen zu der nächsten Edition in diesem Jahr beantwortete Bettina Pelz die Fragen.
// Für uns Lüdenscheider_innen sind die LICHTROUTEN ein einzigartiges Festivals des Lichts. Wie fühlt es sich an, dieses Festival zu leiten, und was bedeutet es für dich persönlich, an der Spitze dieses kreativen Projekts zu stehen?
Die LICHTROUTEN sind ein Gemeinschaftsprojekt: Es brauchte die Initiative der Stadt, und ohne Phillip Nielands (LSM) Engagement hätte es diesen Neustart nicht gegeben. Ohne die vielfältigen Partnerschaften und die breite Unterstützung wäre ein solches Festival nicht machbar. Ohne die Assistenzen würden die LICHTROUTEN ohne Schubkraft. Wir vertreten die Perspektive der Kunst und der Künstler_innen in der Gemengelage von Stadtverwaltung, Stadtmarketing und Event Management. Wir haben eigentlich nicht den Eindruck, dass wir an der Spitze stehen, sondern eher dass wir Energien bündeln.
Tom und ich machen das Konzept, die Auswahl der Standorte und der Künstler_innen gemeinsam, in der Produktion ist sein Fokus die komplexe technische Umsetzung. Mein Schwerpunkt sind Kommunikation, Partizipation und Publikumsbegleitung. Ich mache auch das Mentoring für die YOUNG MASTERS, für die Künstler_innen und die Kurator_innen, die Ausbildung der Assistenzen und die Schulung von Mitarbeitenden von unterstützenden Unternehmen. So sind in allen Aspekten immer auch die konzeptionellen Ideen integriert und wir entwickeln gemeinsam das Projekt weiter.
// Wie wählt ihr die Künstler_innen aus, die an LICHTROUTEN teilnehmen?
Ich reise viel, bin auf anderen Festivals zu Gast, und ich arbeite als freie Kuratorin in verschiedenen Kontexten und Kulturen. Seit 2002 habe ich mehr als 60 Ausstellungsprojekte, vor allem in Europa und in Afrika, kuratiert. Außerdem engagiere ich mich für junge Künstler_innen und Kurator_innen in verschiedenen Lernumgebungen. Ich bin eigentlich immer im suchenden Modus.
Tom ist als Künstler sowohl in der Region wie auch international tätig und auch sein Radar ist immer “an”. In der Vorbereitung tauschen wir uns viel aus, stellen und Künstler_innen vor, und so nach und nach entsteht eine gemeinsame Idee, wer oder was in Lüdenscheid seinen Platz finden kann.
Zusätzlich haben wir in diesem Jahr erstmals zu einem Open Call eingeladen, zu dem sich Künstler_innen aus aller Welt für den Standort Gothaer Parkplatz bewerben konnten. Dank dem internationalen Netzwerk der Festivals des Lichts ILO und dank der sozialen Medien hatten wir hier sehr viele, sehr überzeugende Einreichungen. Die Jury war das Lichtrouten Kollektiv. In den vielen Jahren LICHTROUTEN ist hier eine sehr feine Seh-Kompetenz entstanden. Es war wirklich ein Vergnügen gemeinsam auszusuchen — ein neues Element, das wir gern in den nächsten Jahren fortsetzen möchten.
Und noch etwas ist neu: Im Rahmen des YOUNG MASTERS PROGRAMM haben sechs jungen Kurator_innen Vorschläge gemacht und gemeinsam ausgewählt. Auch hier sind viele, sehr schöne Ausstellungsbeitrage von kleinerem Umfang generiert worden. Diese sollten zunächst nur im FORUM gezeigt werden, aber letztendlich haben sie das gesamte Programm infiltriert — zu finden im FORUM und bei STRODEL & JÄGER, im LOGENHAUS und auf dem Dachboden der VHS.
// Was ist euch in der Zusammenarbeit mit den Künstler_innen besonders wichtig?
Wir suchen Künstler_innen aus, die sich explizit mit Licht und lichtbasierten Medien auskennen und die neue, überraschende, eigenwillige Wege finden, damit künstlerisch zu arbeiten. Die Hälfte der Arbeiten, die zu den LICHTROUTEN zu sehen sind, sind ortsspezifische Projekte, die mit uns entwickelt wurden und nur in Lüdenscheid zu sehen sein werden. Für Künstler_innen bedeutet das, dass sie sich mit dem Ort und dem lokalen Kontext, mit unserem Thema und unseren Vorstellungen auseinandersetzen müssen. Überhaupt ist die engagierte und qualitative Zusammenarbeit ein wichtiges Kriterium für uns. Jede Edition der LICHTROUTEN ist ein Prototyp mit vielen Unwägbarkeiten, die wir auch unter Druck gemeinsam und solidarisch bewältigen müssen.
// Und wie gestaltet ihr den kreativen Austausch zwischen den Künstler_innen und dem Festivalteam?
Zwischen den Künstler_innen und dem Produktionsteam entsteht ein Art organischer Austausch, sie arbeiten im Vorfeld an vielen Stellen zusammen. Ansonsten bereiten das koordinierende Team und insbesondere die Assistenzen gut vor, schon im Vorfeld tauchen sie ein in die Arbeitsweisen und Werdegänge der Künstler_innen. Wenn dann alle vor Ort sind, gibt es gemeinsame Treffen wie den ARTISTS’ HUB, wo alle Künstler_innen ihre Werke vorstellen. Während der LICHTROUTEN gibt es auch einen gemeinsamen Coworking-Space — im Kulturhaus — wo wir uns Räume, Tische und Internetzugang teilen. Und nach der Arbeit treffen wir uns alle in der Nachtbar: Künstler_innen und Kurator_innen, Techniker_innen und Assistenzen haben meist eine gute Zeit miteinander.
// Welche Rolle spielt die lokale und internationale Vernetzung im Rahmen von LICHTROUTEN? Wie sorgt das Festival dafür, dass Künstler_innen und Fachleute aus der ganzen Welt zusammenkommen?
Tom und ich sind beide Menschen, die in Myzelien und in Netzwerken denken. Lokale, nationale und internationale Vernetzung sind Teil unserer DNA. Das spiegelt sich auch in der Struktur und den Prozessen des Festivals. In den ersten Jahren waren wir diejenigen, die die internationalen Verbindungen aufgebaut und gepflegt haben. Heute profitieren wir von Organisationen wie dem internationalen Netzwerk der Festivals des Lichts ILO, die es inzwischen gibt.
Für die Fachbesuchenden gibt es ein Programm zur Eröffnung mit Beiträgen von Künstler_innen, Kurator_innen und weiteren Expert_innen. Wir schaffen Räume für künstlerische und kuratorische Diskurse, aber auch für die Diskussion gesellschaftlicher Fragen. In diesem Jahr reflektieren wir über die Rolle von Festivals des Lichts im Rahmen gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen und demokratischer Kultur. Das ökologische Engagement für Dark Skies steht ebenso auf dem Programm wie die Frage, wie sich tradierte Gender-Strukturen in Festivalprogrammen spiegeln.
// Wie siehst du die Rolle von LICHTROUTEN in den kommenden Jahren im Hinblick auf den internationalen Dialog und die Weiterentwicklung von Lichtkunst und Lichttechnologie?
Die Festivals des Lichts und das enorme öffentliche Interesse daran hat, ermöglicht es vielen Künstler_innen Projekte zu realisieren, die es im klassischen Kunstkontext schwer haben: meist ist die Technik zu neu oder zu kompliziert oder zu teuer. Im Rahmen der temporären Festivals ist hier Raum für experimentelle Ansätze und neue Ideen. Wenn es gelingen könnte, die LICHTROUTEN jährlich oder biennal zu realisieren, könnten wir sicher wieder zu einem Festival mit Impulskraft werden.
// Wie wichtig ist es für euch, die Bürger_innen von Lüdenscheid in das Festival einzubeziehen? Gibt es spezielle Initiativen oder Programme, die die lokale Gemeinschaft aktiv ins Festival Geschehen einbinden?
Viele Handwerks- und Technikbetriebe engagieren sich für die LICHTROUTEN, ohne diese Kompetenz vor Ort, wären die LICHTROUTEN nicht machbar. Und auch nicht ohne die Assistenzen: Lüdenscheider Bürger_innen treffen sich seit Januar mit mir und wir lernen gemeinsam die Geschichte der Standorte, die Besonderheiten der eingesetzten Technik, die künstlerischen Arbeitsweisen. Sie sind die Botschafter_innen der LICHTROUTEN.
Wir sind auch eine lokale Plattform: Wir arbeiten mit lokalen Künstler_innen, wir kooperieren mit Initiativen wie der Slowflower Residency auf Schloss Neuenhof, wir zeigen eine fantastische Schwarzlicht-Installation des SOS Kinderdorfes u.a. Es wird viel los sein in der Stadt — auch Dank der vielen lokalen Initiativen.
// Lüdenscheid ist eine Stadt mit einer langen Geschichte und einem besonderen Charakter. Wie hat die Stadt das Konzept des Festivals beeinflusst? Gibt es spezifische Orte oder Aspekte in Lüdenscheid, die für dich besonders wichtig sind?
Wir haben uns mit vielen Aspekten der Stadt schon auseinandergesetzt wie Biotope (2003), Spielplätze (2004), Parkhäuser (2005), Friedhöfe (2006), Fabriksken (2010) und Orte der Transformation (2018). In diesem Jahr sind es die Einkaufszentren, die seit den 1960er Jahren die Stadtansichten verändert haben: Das Kohns Haus an der Altenaer Straße (heute: TUMO), das SAUERLAND-CENTER, das City-Center und das STERN-CENTER, das FORUM sind unsere primären Spielstätten. Aber auch alle Kunst- und Kulturinstitutionen sind dabei.
Persönlich finde ich die Orte, die nicht immer öffentlich zugänglich sind und die wir zu den LICHTROUTEN öffnen können, besonders. In diesem Jahr gehen wir auf den Dachboden des VHS und in das LOGENHAUS. Ich bin sicher, dass nicht alle Lüdenscheider_innen dort schon gewesen sind.
// Bei den LICHTROUTEN spielt die Technologie und Produktion eine entscheidende Rolle. Wie integrierst du technologische Innovationen in die künstlerische Gestaltung des Festivals, und wie beeinflusst die Technik die Wahrnehmung der Kunstwerke?
Licht und lichtbasierte Medien und ihre Technologien haben sich in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Wir haben diese Entwicklungen begleitet und versucht immer auch innovativ zu sein. Wir hatten schon in den ersten Jahren LED-basierte Installationen, zu einer Zeit, wo LED Technik erst im Aufbruch war. Auch sensor-basierte Installationen, die auf aktuelle Wetterdaten reagierten oder Installationen, die über Stimme gesteuert werden konnten. Die ersten Fassadenprojektionen haben wir mit 3.000 lm Projektoren gemacht, heute nutzen wir fast überall 30.000 lm Projektoren, die es erst seit 2007 gibt. Die Panasonic RZ31 Laser-Projektoren, die wir an vielen Standorten haben, kamen 2016 auf den Markt. Inzwischen gibt es 60.000 ANSI Lumen Projektoren mit 4K Auflösung, das machen wir dann beim nächsten Mal. Auch hier gilt, dass künstlerische Konzepte und technische Qualitäten bestmöglich synchronisiert werden müssen. Wo das gelingt, und wenn man weder über das eine noch das andere nachdenkt, gerät man ins Staunen.
// Wie hat sich die Wahrnehmung des Festivals in der breiten Öffentlichkeit verändert?
Das werden wir sehen, wenn die LICHTROUTEN laufen werden: Inzwischen gibt es viele Festivals des Lichts mit sehr unterschiedlichen Qualitäten. Ich hoffe sehr, dass wir wieder ein besonderer Moment im städtischen Kalender sein können.
// Und wie hat sich die lokale Kunstszene im Laufe der Jahre verändert?
Wir verstehen uns als erstes als ein lokales Event, der größte Teil unserer Besucher_innen sind aus Lüdenscheid und der Region. Tom Groll, aber auch Kuno Seltmann, Matthes Boeser, Davis Pahl oder Thomas Schielke sind kreative Köpfe, die in der Stadt beheimatet sind. Wir freuen uns, dass sie dabei sind.
// Wenn du auf die Entstehung von LICHTROUTEN zurückblickst, was erfüllt dich am meisten mit Stolz? Gibt es eine bestimmte Erinnerung oder ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist und das den Erfolg des Festivals symbolisiert?
Der schönste Moment ist, dass es die LICHTROUTEN wieder gibt. Wir freuen uns riesig, dass wir die LICHTROUTEN wieder aufbauen können und danken allen, die das mit Gedanken, guten Worten und vielen handfesten Taten ermöglichen.
BEITRAGSBILD
Tom Groll, Bettina Pelz: Lichtgrund. LICHTROUTEN Luedenscheid 2006. Photo: Claus Langer.