AUTOR Sebastian Goettling
PUBLIZIERT 21.FEB 2025
Vorgeschichte
Die Theater im Nachkriegs-Lüdenscheid waren Teil einer Geschichte von Provisorien. In den 1960ern nutzte die Lüdenscheider Kulturgemeinde das Park-Theater der belgischen Garnison – das war aber nur mittwochs gestattet, außerdem war das Theater zu klein und es lag ständig Chlorgeruch in der Luft aufgrund des Schwimmbads, das ebenfalls im Haus war – oder die Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums – auch zu klein – oder die Schützenhalle am Loh –prima für Festbälle, weniger gut für Kulturveranstaltungen, die Bühnenausstattung benötigen.
Eine wichtige Bühne für Lüdenscheider Kulturbegeisterte war auch das Theater Hagen. Hoffnung in den 1970ern schürte der Neubau des Städtischen Gymnasiums (heute Bergstadt-Gymnasium), doch dessen zweiter Bauabschnitt –Hallenbad und eine theater geeignete Aula –wurde nie begonnen.
Der Anschluss an die Autobahn im Jahr 1968 gab den entscheidenden Impuls. Hagen war nun noch schneller zu erreichen, also musste Lüdenscheids Einzelhandel und Kultur radikal attraktiver werden, damit die Bevölkerung nicht von der Nachbarstadt „abgesaugt“ wurde. Dazu gehörten das Schaffen einer Fußgängerzone ab 1969, die infrastrukturelle Entzerrung der Innenstadt durch die Untertunnelung des RATHAUSplatzes Mitte der 70er – und mit der Sauerfelder Straße eine Parallelachse zur Innenstadt, deren oberer Bereich zum
Kulturzentrum mit Museen und Kulturhaus werden sollte.
Für das Haus verschwand viel vorhandene Bausubstanz: Das Gesellschaftshaus Concordia, die alte Volksbank, Teile des Gerhardi-Firmenkomplex‘ sowie dessen Parkplatz, die Firma Klefinghaus, ein Kfz-Betrieb und ein Wohnhaus, in dem die Eheleute Hohage 30 Jahre lang einen Tante-Emma-Laden betrieben hatten. Beim Bau wurde ein unbekannter Luftschutzbunker entdeckt und eingerissen. Der felsige Untergrund war teilweise so hart, dass viele Sprengungen vorgenommen werden mussten. Zwei harte Winter brachten den Zeitplan mächtig ins Hintertreffen.
Bau und Eröffnung
Erster Ratsbeschluss „Bergstadthalle“: November 1964, 17 Jahre vor Eröffnung
Architekten: Planungsgruppe Gutbrod, Billing, Peters, Ruff
Baubeginn: Sommer 1978
Kosten: 30 Millionen DM
Eröffnungsabend: Freitag, 6. November 1981
Architektur
Zuschlag erhielt die Planungsgruppe Gutbrod, Billing, Peters, Ruff, wobei letzterer, Nikolaus Ruff, bauleitender Architekt war. Die umliegenden Kirchenbauten sollten weiterhin dominant bleiben, also war ein hoher Bühnenturm nicht möglich, vielmehr wurde dieser „versenkt“ an der tiefsten Stelle des Geländes. Die Bühne ist umschlossen von ein- bis dreigeschossigen Bauteilen, die „Tuchfühlung zur vorhandenen Bausubstanz“ herstellen. Damit dem großen Bauvolumen das Massive genommen wird, sind die Gebäudeteile stark unterteilt, und die unterschiedlichen Dachneigungen ergeben die charakteristische Form. Diese Gliederung des Gebäudes leitet sich einerseits aus musikalischem Rhythmus ab, andererseits aus Strukturen, die menschliche Bewegungsabläufe darstellen – all das mit
Form-, Farb- und Material-Gegensätzen (z.B. Sichtbeton und Holz). Drei Aspekte harmonisch zusammenzubringen,war Ruff besonders wichtig:
1) Das gegenseitige, demokratische Verstehen der Bedürfnisse aller am Projekt beteiligten
2) die reine Nützlichkeit des Bauwerks
3) das Aufgreifen menschlicher Bedürfnisse und positiver Gefühle.
Vorbild war auch die Fassade der Berliner Philharmonie. Dabei ist Ruff Anthroposoph, er folgt der spirituell-esoterischen Weltanschauung Rudolf Steiners, die christliche Mystik mit fernöstlichen Lehren zusammenbringt und hinter der eigentlichen Welt noch eine übersinnlich-magische sieht, welche die rationale Wissenschaft nicht zu erkennen vermag. Aus dieser Weltanschauung hervor gingen einerseits die Waldorfpädagogik,andererseits auch die Jugendliteratur von Michael Ende und eben die anthroposophische Architektur, deren Vertreter das Kulturhaus ist. In diesem Stil treffen Elemente von Expressionismus und Jugendstil auf organische Formen.
Ursprünglich sollte der Gebäudekomplex noch größer sein mit angegliedertem Festsaal,MUSIKSCHULE und Atelierwohnungen. Stattdessen entstand der Stadtgarten. 1983 gewann das Haus den Architekturpreis Beton. Aus der Begründung: „Die Architekten des Gebäudes bewiesen vor allem Phantasie im Umgang mit Materialien. Die verschiedensten Baustoffe, die ihre Verwendung einerseits der Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit, andererseits aber auch ihrem Erscheinungsbild, zum Beispiel ihrer lebendigen, ‚sprechenden‘ Oberflächenstruktur verdanken, erzeugen im Zusammenspiel ganz individuelle Töne zur raumkompositorischen Polyphonie.“