Sasha Kojjio: Zwischen Code und Emotion

INTERVIEW Jennifer Kolb
PUBLIZIERT 5. MAR 2025

Sasha Kojjio lebt in Barcelona. Im Jahr 2020 präsentierte er ein großformatiges 3D-Mapping-Projekt auf dem PIXEL FEST in Jekaterinburg (RU). Seit 2022 sind seine Installationen regelmäßig auf dem INTERVALS Festival in Nischni Nowgorod (RU) zu sehen. Im Jahr 2023 wurde er zum MIRA Medienkunstfestival in Barcelona eingeladen.

// Woher stammt die Idee für „semantic failure“? Wurde sie als Reaktion auf eine bestimmte Erfahrung oder Beobachtung konzipiert?

Ich wurde zu diesem Projekt während meiner Reise durch Südasien inspiriert – jedes neue Land, das ich besuchte, hatte seine eigene Sprache. Dabei fiel mir auf, dass der menschliche Geist dazu in der Lage ist, hinter der visuellen Darstellung und den ihm unbekannten Zeichen eine Bedeutung zu spüren, diese mit bestimmten Gefühlen zu verknüpfen und Zusammenhänge zwischen Zeichen und Bedeutungen zu erkennen.

// Was war die Idee hinter „semantic failure“ und wie bist du vorgegangen?

„Semantic failure“ basiert auf der Idee, dass wir die Bedeutung eines Symbols, Buchstabens oder Wortes nicht kennen müssen, um das Gefühl dahinter zu erfassen. Die Arbeit untersucht, wie dieselben Zeichenfolgen (also Wörter, Sätze) in unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen visuellen Darstellungen neue Bedeutungen und Interpretationen erhalten können. Sie zeigt, dass die visuelle Darstellung von Text oft mehr sagt als der Text selbst.

// Wie hat sich das Werk entwickelt? War der gesamte Text von Anfang an festgelegt, oder wurde er während des kreativen Prozesses dynamisch generiert?

Das Kunstwerk entwickelt sich von Ausstellung zu Ausstellung weiter. Ich arbeite gerne mit Buchstaben und Texten und bin leidenschaftlich an dem Konzept der Installation interessiert. Deshalb ist sie einem ständigen Wandel unterworfen, beeinflusst durch meine persönlichen Erfahrungen und Lebensereignisse. Ich ändere den Text, füge neue Elemente hinzu, entferne Dinge, die nicht mehr mit mir resonieren, lasse andere Bestandteile unverändert und verfeinere bestimmte Aspekte. So wird jede Ausstellung einzigartig und persönlicher.

// Generative Kunst basiert oft auf Zufall oder Algorithmen. Wie viel von „semantic failure“ ist gesteuert, und wie viel bleibt dem Zufall überlassen?

Ich sehe Zufall und generative Algorithmen als Werkzeuge, die ich nutze, um eine Aussage zu treffen und dem Publikum ein Erlebnis zu bieten. Ich betone dabei den Einfluss von Bewegung, Rhythmus und plötzlichen Fehlern. Ich drücke mich nicht direkt durch generative Algorithmen aus, sondern eher durch deren gezielte Manipulation. Am Ende entsteht ein gerendertes Video, das auf einer Fassade abgespielt wird – der Betrachter sollte nicht darüber nachdenken müssen, ob es in Echtzeit generiert wurde oder nicht.

// Mit welcher Software arbeitest du? Welche Eigenschaften sind dir dabei wichtig?

Für dieses Kunstwerk habe ich Touchdesigner und Ableton kombiniert. Touchdesigner dient als visuelle Engine, die alle visuellen Algorithmen enthält, während Ableton als Sound-Engine und Steuerungseinheit für Touchdesigner fungiert. Ich teile meinen Workflow gerne zwischen diesen Programmen auf: In Touchdesigner programmiere ich mit einem analytischen Ansatz, während Ableton eine interaktive Oberfläche bietet, mit der ich meine Emotionen direkt ausdrücken und einfangen kann.

// Wie hast du die Klanglandschaft geschaffen, und welche Rolle spielt der Sound in deiner Videokunst?

Der Klang schafft den Kontext für meine Arbeit und verstärkt das Visuelle. Wenn ich Sound erstelle, versuche ich zu fühlen, wie genau diese visuellen Elemente klingen würden und welche Wirkung sie auf den Betrachter haben könnten.

// Was bedeutet „ausstellen“ für dich? Welche Rolle spielt es, dass deine Werke in der Öffentlichkeit gezeigt werden?

Ich glaube, dass Medienkunst ohne Betrachter nicht existiert. Dieses Medium lebt von Erfahrung und Interpretation – es gibt immer zwei Seiten: einen Sender und einen Empfänger. Ohne eine dieser beiden Komponenten existiert die Verbindung nicht. Daher ist die Ausstellung meines Werks essenziell für seine Existenz. Außerdem interessiert es mich, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern und Kontexten meine Arbeit wahrnehmen, wie sie darauf reagieren und was sie darin entdecken. Durch die Interaktion mit dem Publikum lerne ich ständig neue Aspekte meiner eigenen Kunst kennen.

// Und abschließend eine philosophische Frage: Wie siehst du die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft?

Ich denke, Kunst bringt Neues in das Leben der Menschen. Sie normalisiert neue Ideen, Formen, Perspektiven, Ansätze, Techniken und Technologien. Kunst ist wie eine Linse, durch die Menschen auf ihr eigenes Leben blicken.

ZUM WEITERLESEN EMPFOHLEN …