Max Grund: Männlichkeit neu denken – Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Veränderung

INTERVIEW Alexia Alexandropoulou
PUBLIZIERT 7. FEB 2025

Max Grund ist ein in Bremen lebender Fotograf und Filmregisseur, der sich in seiner Arbeit mit queerer Identität, Männlichkeit und Machtstrukturen innerhalb der Arbeiterklasse auseinandersetzt. In seiner Arbeit, die Fotografie und Film verbindet, setzt er sich mit Themen wie Ausgrenzung, Verletzlichkeit und Selbstschutz auseinander. Durch akribisch inszenierte Bilder konstruiert er alternative Realitäten, die traditionelle Geschlechternormen in Frage stellen. In diesem Interview sprechen wir über sein neuestes Projekt, dessen symbolische Tiefe und die breiteren sozialen Energien, die es zu aktivieren versucht.

// Deine Arbeit entwirft eine utopische Welt, in der die traditionelle Machtdynamik zusammenbricht. Wie stellst du dir vor, dass diese alternative Realität die heutigen Diskussionen über Männlichkeit und Geschlechtsidentität beeinflusst?

Ich ziehe in meinen inszenierten Fotos Referenzen zu den Ideen diskursprägender Denker_innen des Diskurses. Die größte Inspiration kam dabei durch Texte wie „Männlichkeit verraten!“ von Kim Posster sowie „The will to change. Men, Masculinty and Love“ von bell hooks. Natürlich habe ich diese Gedanken auf meine Weise interpretiert und auch eigene Erfahrungen einfließen lassen. Ich hoffe durch meine Fotos einen emotionalen Zugang zu bereits existierenden Aspekten des Diskurses zu geben. Wissenschaftliche Debatten spielen sich oft in sehr exklusiven Blasen ab. Ich kann die beiden Bücher aber nur empfehlen. bell hooks geht sehr versöhnlich mit Männern um. Sie erklärt was das Patriarchat ist und wie es sich selbst erhält. Dabei beschreibt sie zum Beispiel wie mit Hilfe von Liebesentzug oder den Einsatz von Scham durch die Eltern, Jungs dazu konditioniert werden ihre Emotionen zu unterdrücken. Kim Posster setzt bei Männern an, die eigentlich bereits versuchen die Position, die ihr Geschlecht ihnen in der Gesellschaft zuweist, kritisch zu hinterfragen. Dabei zeigt er, dass Männer zwar feministischen Sprachgebrauch erlernen oder sich in einem schlechten Gewissen wiegen, aber trotzdem daran scheitern Verantwortung zu übernehmen.

// In deinem Statement erwähnst du, dass Arroganz als eine Form des Selbstschutzes dienen kann. Wie manifestiert sich dieses Thema in deinen Fotoserien, und welche Rolle spielt die Verletzlichkeit bei der Infragestellung dieser Schutzmechanismen?

Dieses Motiv der Arroganz ist stark von meiner Erfahrung als Teenager geprägt, in der ich mich oftals Außenseiter fühlte (oder zum Mitläufer wurde), was die sozialen Regeln zwischen den Jungs in meiner Schule anging. In einem bestimmten Alter entwickelten diese Jungs die stereotypen Charakterzüge – sie wurden laut, gewaltvoll und hatten eine riesige Angst vor Schwäche. In den Zeiten, in denen ich es nicht schaffte mich anzupassen, wurde ich wegen meiner Andersartigkeit verurteilt und gemobbt. Für eine gewisse Phase meines Lebens entwickelte ich eine Arroganz, um mich zu schützen und die mir eingeredete Minderwertigkeit auszugleichen. Das heißt, ich fühlte mich diesen Jungs überlegen. Ich denke, das ist ein typischer Prozess, den viele junge schwule Männer durchmachen. Aber gleichzeitig kann jeder Mensch, der von einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird, leicht diese Form von Groll entwickeln. Später in meinem Leben und auch heute noch lerne ich, dass dieser Mechanismus dazu führt, dass man sich selbst isoliert. Ich fühle mich so viel stärker und verbundener, wenn ich mir erlaube, verletzlich zu sein. Und ich sehe immer mehr, dass auch andere Männer diese Art von Emotionalität zu schätzen wissen.

// Dein Projekt beschäftigt sich mit der Komplexität des Aufwachsens als Mann in einer patriarchalischen Gesellschaft. Wie beeinflussen deine persönlichen Erfahrungen die Art und Weise, wie du die Bildsprache deiner Fotografien inszenierst?

Durch Schulkameraden, Freunde und meinen Vater habe ich sehr stark die Erwartungen gespürt, die an mich als Mann in einer patriarchalen Gesellschaft gestellt werden. Gleichzeitig bin ich hauptsächlich mit meiner Mutter und Schwester aufgewachsen und habe mir auch sozial in meiner Jugend hauptsächlich mit Frauen umgeben. Das hat mir genug Distanz gegeben, um zu erkennen, was mir konkret Unbehagen verschafft. Vielleicht hilft mir diese Außenperspektive gezielt mit Inszenierung zu arbeiten: Ich nutze das Studio als kontrollierten Raum, in dem ich Männlichkeitsbilder bewusst überzeichne, dekonstruiere oder in einen ungewohnten Kontext setze. Mein Faible für die starke Inszenierung von Fotografien kommt aber dadurch, dass ich im
Aufwachsen sehr popkulturell geprägt bin. Ich komme nicht aus einem Umfeld, wo Menschen sich abstrakte Kunst angeschaut haben. Heute setzte ich Ästhetiken aus Pop und Kitsch ein, um meine Kunst zugänglicher oder emotionaler zu machen. Das ist ein Versuch die Arbeit interessant für
Menschen verschiedenster Geschmacksbildungsprozesse zu gestalten.

// Du zögerst, Männlichkeit neu zu definieren, und schlägst vor, dass menschliche Qualitäten überhaupt nicht dem Geschlecht zugeordnet werden sollten. Inwiefern trägst du mit deiner Praxis zu einem breiteren kulturellen Wandel in der Wahrnehmung von Männlichkeit bei?

Ja, ehrlich gesagt denke ich, dass die Neudefinition einer „guten“ Männlichkeit nur ein neues Konstrukt wäre, um die Idee des sozialen Geschlechts irgendwie weiter zu erhalten. Natürlich würde ich es begrüßen, wenn Männer sozialer, verantwortungsbewusster, fürsorglicher und einfühlsamer wären. Aber das wirft schnell die Frage auf, warum dies nicht einfach gute „menschliche“ Eigenschaften sind. Wären neue Männlichkeitsmerkmale nur deshalb männlich, weil sie von Männern ausgeübt werden? Dennoch halte ich es für sinnvoll, den Begriff vorerst beizubehalten. In unserer Gesellschaft sind Geschlecht und Identität so stark miteinander verwoben, dass es zu Identitätskrisen führen würde, wenn wir Männern sagen würden, dass Männlichkeit nicht mehr existiert. Auch aus einer anderen Perspektive ist es wertvoll, den Begriff der Männlichkeit zu haben. Wir müssen in der Lage bleiben, über die Verhaltensweisen zu sprechen. Wenn sich alle Männer aus der Verantwortung ziehen, indem sie sagen, dass sie keine Männer mehr sind, wird es für uns sehr schwierig sein, den Diskurs fortzusetzen. In meiner Utopie wäre jede:r auf irgendeine Weise androgyn und hätte alle Charaktereigenschaften, die ihm:ihr gefallen, aber nicht auf der Grundlage der Physik seines:ihres Körpers. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis das soziale Geschlecht verschwinden kann. In meiner Arbeit möchte ich eher auf spezifische Phänomene und Probleme der patriarchalen Männlichkeit hinweisen, als ein spezifisches Bild von ihr zu schaffen. Das würde ohnehin nur zu neuen Stereotypen führen.

Wie trägt deine Arbeit in einer Welt, die zunehmend von Krisen und Verschiebungen in den sozialen Strukturen geprägt ist, dazu bei, neue Energien zu erzeugen – sei es emotional, gesellschaftlich oder konzeptionell -, die traditionelle Normen in Frage stellen und zu Veränderungen anregen?

Ich möchte neue Energien generieren, indem ich mich mit der Frage beschäftige, warum wir überhaupt mit so vielen kräftezehrenden gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert sind. Das, was wir eine Zeit der Multikrisen nennen, bedeutet, dass wir es gleichzeitig mit dem Klimawandel, Kriegen, der klaffenden Kluft zwischen Arm und Reich und dem zunehmenden Comeback faschistischer Ideologien zu tun haben – um nur einige zu nennen. Für mich sind viele der Krisen unserer Zeit eng mit traditionellen Männlichkeitsbildern verknüpft – dem Wunsch nach Dominanz, Machtanspruch und der Unterdrückung von Gefühlen. Auch auf persönlicher Ebene wenden wir alle viel Energie auf, indem wir uns mit patriarchalischen Männern auseinandersetzen müssen -von emotionaler Unzugänglichkeit bis zur häuslichen Gewalt. Der negative Einfluss, den diese vorherrschende Vorstellung von Männlichkeit auf unser Leben hat, ist so komplex und nuanciert, dass es schwer ist, das alles in einer kurzen Antwort zusammenzufassen. Wenn wir diese überholten Regeln des Geschlechts verlernen würden, könnten wir so viel Zeit und Energie sparen. Natürlich kostet es auch Energie umzudenken, Strukturen zu erkennen und Muster abzulegen. Damit werde ich selbst nie fertig sein. Dennoch ist das ein deutlich nachhaltigerer Einsatz von Energie.

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