Tatsuru Arai : Transforming flowers into styles

INTERVIEW Fairouz Nouri
PUBLIZIERT 01. FEB 2025

Lüdenscheids Identität als „Stadt der Lichter“ und seine Verbindung zur Beleuchtungsindustrie machen die Stadt zu einem interessanten Ort für die Erforschung der Überschneidung von Technologie, Geschichte und Kunst. In diesem Interview spricht Tatsuru Arai über seine Sicht auf die Arbeit mit Licht und Medien, seinen kreativen Prozess im öffentlichen Raum und darüber, wie sich seine Kunst mit breiteren gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt:

// Was interessiert dich daran, Teil eines Licht- und Medienkunstprojekts in Lüdenscheid zu sein?

Letztes Jahr wurde ich zu „Goldstücke“, organisiert von Direktorin Bettina, eingeladen und hatte die Gelegenheit, Gelsenkirchen zum ersten Mal zu besuchen. Ich fand es faszinierend als Stadt im Ruhrgebiet mit einer reichen Industriegeschichte und einem laufenden Wandel hin zu einem Zentrum für Kunst und Kultur. Ich habe auch gehört, dass Lüdenscheid, bekannt als „Stadt des Lichts“, eng mit der Beleuchtungsindustrie verbunden ist. Dies fügt der Stadt eine einzigartige kulturelle Dimension hinzu und zeigt, wie Innovation und Kreativität oft von der industriellen Vergangenheit einer Stadt geprägt werden.

// Was hat dich dazu bewogen, an der diesjährigen LICHTROUTEN-Edition teilzunehmen?

Ich bin Direktorin Bettina sehr dankbar, dass sie mich erneut eingeladen hat. Es ist immer spannend und inspirierend, mehr über die Kultur und Gesellschaft regionaler Städte in Deutschland zu erfahren. Ich lebe seit 15 Jahren in Berlin, doch ich finde es besonders erfrischend, zu entdecken, wie Städte wie Lüdenscheid ihre lokale Identität bewahren und gleichzeitig auf ihre eigene Weise zur deutschen Kulturlandschaft beitragen. Die Beleuchtungsindustrie von Lüdenscheid treibt nicht nur den technologischen Fortschritt voran, sondern inspiriert auch künstlerische Projekte wie das LICHTROUTEN-Festival, das urbane Räume auf kreative Weise mit Licht verbindet.

// Wie fügt sich dieses Werk in deine allgemeine künstlerische Praxis ein?

Das Projekt „Face of Universe“ besteht darin, Fotografien von Blumen aus aller Welt zu sammeln und sie in verschiedenen Städten auszustellen. Es begann 2022 in Seoul, Südkorea, und wurde seither in verschiedenen Ländern Europas und weltweit präsentiert. Im Rahmen dieses Projekts wurde auch eine Performance mit dem Titel „Re-solarization“ an renommierten Orten wie der Philharmonie de Paris und der Philharmonie Berlin aufgeführt.
Ich habe Musik studiert und dabei eine strukturelle und geometrische Ästhetik in vielen klassischen Werken der Vergangenheit entdeckt. Ebenso erkenne ich geometrische Muster in physikalischen Phänomenen und kosmischen Ereignissen. Die Entstehung von Planeten und die Kernfusion in der Sonne zeigen beispielsweise geometrische Muster – Muster, die oft den Formen von Blumen ähneln. Ich glaube, dass in diesen Phänomenen eine gemeinsame Ästhetik liegt.
In nahezu allen Kulturen haben Menschen eine tiefe Verbindung zu Blumen und Pflanzen gepflegt. Die Wahrnehmung von Schönheit in ihnen scheint mir sowohl unausweichlich als auch eines der universellen Themen der Menschheit zu sein.

// Wie gestaltest du Kunst für öffentliche Räume? Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich daraus?

Kunst für öffentliche Räume zu schaffen, ist ein vielschichtiger Prozess, der mit dem Verständnis des Ortes, seines Kontexts und seines Publikums beginnt. Ich recherchiere zunächst die Geschichte des Ortes, seine kulturelle Bedeutung und die Art und Weise, wie Menschen mit ihm interagieren. Öffentliche Kunst muss mit ihrer Umgebung harmonieren und gleichzeitig Gedanken oder Emotionen anregen, sodass ich bestrebt bin, einen Dialog zwischen dem Kunstwerk und dem Raum selbst zu schaffen.
In meinen Arbeiten spielen Blumen oft eine zentrale Rolle. Sie besitzen eine universelle Sprache – sie symbolisieren Schönheit, Vergänglichkeit, Widerstandsfähigkeit und den Lauf der Zeit. Wenn ich Kunst erschaffe, die Blumen einbezieht, überlege ich, wie ihre Formen und Bedeutungen mit dem Raum harmonieren und gleichzeitig Emotionen und Gedanken hervorrufen können.

// Wie nutzt du Licht und Medien als künstlerische Materialien? Was hat dich dazu bewogen, diese Elemente zu erforschen?

In meinem Fall handelt es sich nicht um physische Werke, sondern um digitale Videoprojektionen auf Wände oder LED-Displays. In meinem aktuellen Projekt lege ich besonderen Wert auf 3D-Erlebnisse mit Projektionen auf Wänden und Böden. Zum Beispiel habe ich bei „Goldstücke“, zu dem ich von Bettina eingeladen wurde, eine Arbeit aus meinem Aufenthalt im CIKE (Creative Industries Košice) EMAP (European Media Art Plattform) in Košice, Slowakei, ausgestellt.
Bettinas Team hat eine riesige Leinwand aus Stoff erschaffen, die sich von der Wand bis zum Boden erstreckte. Dadurch konnten wir eine Installation gestalten, bei der es den Anschein hatte, als würden Blumenblätter in einem dreidimensionalen Raum zu Boden schweben.
Ich habe Komposition an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin studiert, und mein Interesse an visueller Kunst entspringt der Visualisierung von Klangbildern. In meiner Wahrnehmung sehe ich oft visuelle Formen und Skulpturen, wenn ich Töne höre.

// Welche Technologien nutzt du in diesem Werk? Wie tragen sie zu deiner künstlerischen Vision bei?

In meiner Arbeit werden Klang und Bilder mit selbst entwickelten Programmiersystemen und KI-Technologien erzeugt. Ich kann beispielsweise Blumen in den Stil vergangener Gemälde verwandeln. Dank fortschrittlicher Deep-Learning-Algorithmen sind die Stile früherer Kunst und Musik nicht mehr nur „alt“ oder statisch, sondern dienen als Inspirationsquelle für Innovationen, indem sie neue Stile aus einer Vielzahl historischer Einflüsse generieren.
Einer der größten Vorteile dieser Technologien ist ihre Fähigkeit, große Mengen historischer und kultureller Daten zu analysieren und zu verarbeiten. Dadurch kann ich Werke schaffen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden, historische Ästhetiken in einen zeitgenössischen Kontext setzen und neue Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks eröffnen.

// Wohin entwickelt sich Licht- und Medienkunst in der Zukunft? Welche Entwicklungen interessieren dich besonders?

Ich glaube, dass Licht- und Medienkunst zunehmend in unseren Alltag integriert wird und die Grenzen zwischen physischer und digitaler Welt weiter verschwimmen. Mit fortschreitender Technologie wird das Potenzial für immersive und interaktive Erlebnisse wachsen, sodass Künstler_innen das Publikum auf neue, dynamische Weise einbinden können.
Licht wird weiterhin eine Schlüsselrolle in dieser Entwicklung spielen – es wird Räume verwandeln, unsere Wahrnehmung beeinflussen und emotionale Verbindungen schaffen. Ich erwarte mehr Installationen, bei denen Licht und Medien nicht nur betrachtet, sondern aktiv erlebt und beeinflusst werden können.

// Wie reagiert dein Werk auf den aktuellen sozialen oder politischen Kontext?

In Europa und den USA stehen wir vor mehreren miteinander verbundenen Krisen: der Energie- und Wirtschaftskrise sowie politischen Spannungen, die durch Kriege verschärft werden. Diese Krisen führen zu tiefen gesellschaftlichen Spaltungen, die sich in unterschiedlichen Auffassungen von Demokratie widerspiegeln.
In meinem Werk „Face of Universe“ thematisiere ich die Ökosysteme der Erde, die durch die Kernfusion der Sonne am Leben erhalten werden. Seit der Entstehung des Lebens wurde die Materie auf unserem Planeten bewahrt und von der Sonnenenergie unterstützt.
Doch der rasante technologische Fortschritt, insbesondere im Bereich der KI, verbraucht immense Energiemengen. Um das Gleichgewicht unserer Ökosysteme zu erhalten, müssen wir neue Energiequellen wie die Kernfusion innovieren. Ich glaube, dass die Balance zwischen naturgegebenen und wissenschaftlich erzeugten Energien der Schlüssel zu unserer Zukunft ist.

// Was wünschen du dir, dass die Betrachter_innen beim Erleben Ihres Werks empfinden?

Ich hoffe, dass sie sich mit dem Kunstwerk und den übergreifenden Themen verbunden fühlen. Mein Ziel ist es, dass sie über das fragile Gleichgewicht zwischen Natur, Technologie und Geschichte nachdenken. Indem sie Projektionen von Blumen oder Ökosystemen betrachten, sollen sie sich mit der Frage auseinandersetzen, wie natürliche und technologische Kräfte unsere Welt, unsere Identität und unsere Zukunft beeinflussen.
Letztendlich möchte ich eine Erfahrung schaffen, die kulturelle, politische und soziale Barrieren überwindet und eine Reflexion über die Schönheit und die Komplexität unseres Universums anregt.

ZUM WEITERLESEN EMPFOHLEN …